Auszug aus „Wirtschaft im Saarland“ vom Mai 2008

"Mit 55 an Firmenübergabe denken"

Betrieb und Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
Ältere Firmenchefs trennen sich oft viel zu spät von ihrem Betrieb und gefährden so mitunter gar das eigene Unternehmen samt Mitarbeitern. Doch auch eine rechtzeitige Unternehmensübergabe, bei der fast immer der Kaufpreis der kritische Punkt ist, muss gut vorbereitet sein und bedarf professioneller Berater, hieß es bei einem Experten-Forum des Arbeitskreises Wirtschaft (AKW) im Gästehaus der Dillinger Hütte. Es ging dabei mit dem Beispiel Industrie Engineering Gerstner & Co. GmbH St. Ingbert um eine erfolgreich praktizierte altersbedingte Unternehmensnachfolge.

Pro Jahr 1.000 Nachfolgeregelungen
Der AKW-Vorsitzende Dr. Hanspeter Georgi konnte zu der Veranstaltung die Rekordzahl von mehr als 200 Gästen aus allen Bereichen der Wirtschaft begrüßen. "Im Saarland bestehen rund 24.500 Unternehmen, in denen jährlich etwa 1.000 Nachfolgeregelungen zu lösen sind", betonte Georgi: "Das Thema Unternehmensübernahme ist eine gesellschaftliche Herausforderung: Es hängen eine ganze Menge Arbeitsplätze davon ab." Die von Landesregierung, IHK und Handwerkskammer sowie der Saarländischen Invesitionskreditbank (SIKB) gestartete "Aktion Unternehmensnachfolge" hat errechnet: 7000 Betriebe im Saarland müssen in den nächsten fünf Jahren Führung oder Eigentümer wechseln, weil der jetzige Chef zu alt ist. Dabei geht es um zusammen 50.000 Arbeitsplätze.

Nachfolger: Familie, Mitarbeiter, Externe
Frank Jungblut von der VSU AG UnternehmensBörse Saar-Pfalz verwies darauf, dass es bundesweit jedes Jahr 71.000 übergabereife Unternehmen mit etwa 680.000 Beschäftigten gebe. In knapp zwei Dritteln der Fälle gehe es um altersbedingte Nachfolgeregelungen für Betriebe, meist an Familienmitglieder, aber auch an Mitarbeiter und externe Führungskräfte. Jungblut: "Mit 53 bis 55 Jahren sollte ein Firmenchef anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, wie er die Unternehmensnachfolge regelt." Dazu sollte er sich professioneller Berater mit Referenzen bedienen. Auch regionale Wirtschaftsförderer stünden mit Rat und Tat zur Seite. "Für den ganzen Übergabeprozess muss man fünf bis sieben Jahre veranschlagen." Bei dem Beispiel der seit 1970 bestehenden St. Ingberter Engineering-Firma für Maschinen-, Stahlbau- und Montagetechnik, die vom 67 Jahre alten Chef an den 46-jährigen Entwicklungsingenieur Christian Kuckelberg vom Moselort Schweich und Mitarbeiter als stille Teilhaber verkauft wurde, ging alles in gut zweieinhalb Jahren über die Bühne. "Aber nicht jedes Unternehmen ist so gut positioniert", sagt Berater Jungblut zu der neuen KSK Industrie Engineering GmbH in St. Ingbert, die bereits für die nächsten zwei Jahre volle Auftragsbücher hat.

Juristisch zwei Übernahmeformen
Der Jurist Michael Cullmann von der Rechtsanwaltskanzlei Gerard-Groß & Kollegen (Dillingen/Saarbrücken) erläuterte die beiden Hauptformen der Unternehmenstransaktionen: Den Vertrag über Unternehmensanteile (Share Deal), der Kontinuität wahre, oder den Vertrag über Vermögensgegenstände (Asset Deal), der mit hohem Abschreibungspotenzial eher steuerliche Vorteile biete.

Finanzierung mit Fördermitteln
Zur Finanzierung von Unternehmensübernahmen sagte SIKB-Kreditexperte Winfried Herberg: "Die SIKB ist der Finanzierungspartner für jede betriebliche Investition im Saarland." Die Palette der Möglichkeiten reiche von zinsgünstigen langfristigen Investitionskrediten über Bürgschaften und Beteiligungen bis hin zu Wagniskapital. Aber: "Der Existenzgründer oder Unternehmensnachfolger sollte schon etwas Eigenkapital mitbringen." Klaus Schuh von der Bank 1 Saar ergänzte: "Im Saarland haben wir ein sehr breit gefächertes Förderprogramm." Die Staatsbank KfW werde da kaum gebraucht. "Und natürlich hört die Förderung nicht mit der Existenzförderung auf", ergänzte Herberg von der SIKB.

Wert und Kaufpreis oft umstritten
Dass bei Unternehmensübernahmen der Ertragswert der Firma und der Kaufpreis zwischen Verkäufer und Kaufinteressent meist umstritten ist, versteht sich von selbst. Auch wenn man sich beim Beispiel der Firma in St. Ingbert schnell einig wurde. Berater Jungblut: "Der Verhandlungskorridor darf nicht utopisch hoch sein, das sage ich relativ häufig." AKW-Vorsitzender Georgi dankte in seinem Schlusswort dem weltweit erfolgreich agierenden saarländischen Vorzeige-Unternehmer Dillinger Hütte für die Veranstaltungsbegleitung und appelierte an die Politiker: "Unternehmensnachfolge hat auch etwas zu tun mit steuerpolitischen Anreizen." Für den völligen Wegfall der betrieblichen Erbschaftssteuer gebe es aber in Deutschland derzeit keine Mehrheit.